Das Knistern

by Karin S. Heigl

to: “The Crackling


Ich erinnere mich nicht an den Ort, noch an den Namen. Bitte haben Sie Geduld mit mir. Sie sind der Erste, dem ich davon erzähle und wenn ich daran denke, ist es, als reiße eine Wunde in meinem Kopf auf, die schrecklich blutet und alle Erinnerungen wegspülen will außer den Bildern, die immer dieselben sind.

Jede Nacht habe ich einen Traum. Es ist seit damals immer derselbe. Ich laufe auf das Haus zu, freudig, leichtfüßig. Meine Oma wartet auf mich. Sie hat ihre Arme ausgebreitet. Ich bin fast da. Plötzlich höre ich Schreie, Schüsse, dann dieses entsetzliche Fressen. Alles steht in Flammen und die Blätter knistern trocken, sie werden zu Rauch, es hallt in meinen Ohren, dröhnt immer lauter. Ich schreie und renne. Aber ich komme nicht vom Fleck. Asche liegt zu meinen Füßen. Ich sauge Luft ein, aber sie versengt meine Lungen. Dann ein Fauchen, ein Zischen, das wie ein letzter dürrer Atemzug in der Stille verlischt. Die Augen meines Bruders, wie er aus dem Versteck kriecht und mich zum letzten Mal ansieht. Er ist ganz ruhig, als sie ihn erschießen. Es riecht nach Filzmänteln und Tod.

Wir hatten etwas, auf das sie meinten ein Recht zu haben. Wir waren anders als sie, und sie meinten, das wäre genug, uns zu verfolgen.

Jede Nacht habe ich einen Traum. Er ist mein treuer Begleiter, er verlässt mich nicht. Ich weiß, wenn ich in den Schlaf sacke, wartet er dort auf mich. Immer. Er gibt mir eine kranke Sicherheit.

Dann jedes Mal dasselbe: Totale Dunkelheit umgibt mich. Mein Kopf ist von innen ausgebrannt, er ist leer und dröhnt dennoch vor Schmerzen. Mein Mund ist trocken und schmeckt nach Asche. Mein Herz, das zuerst raste, ist nun leblos. Schwarz. Langsam erkenne ich diese Dunkelheit wieder, sehe die Sterne oder den Mond oder die Wolken, was auch immer gerade vor meinem Fenster ist. Ich ziehe die Vorhänge nie zu, ich brauche den Blick nach draußen, den Geruch der Freiheit, sonst ersticke ich. Ich habe mich so an den Traum gewöhnt, dass mir etwas fehlt, wenn ich traumlos schlafe. Etwas anderes träume ich sehr selten, und ich vergesse es meist beim Aufwachen.

Aber dennoch, ich werde gegen diese Wunde in meinem Kopf ankämpfen, und die Erinnerung für Sie festhalten. Ich werde es versuchen. Bitte haben Sie Geduld, wenn ich Dinge durcheinanderbringe. Erst jetzt versuche ich, sie zu ordnen. Jetzt mit Ihnen.

* * *

Es war ein stattliches Haus gewesen, unser Gutshaus, mit Feldern und Viehzucht, mit Weiden und Dörfern außenherum. Alleen. Meine Oma, die auf mich wartet. Zäune und Gatter, Getreide im Sturm. Mein Bruder. Mein Bruder... zwei stille Augen... Dann lange nichts.

Dann zwei Hände, die mich hart auf die Beine zerren. Meine Knie zittern, aber die Hände halten mich. Wieder Stille und Dunkelheit.

Als nächstes schleifte mein Rocksaum am Boden, Fäden hingen hier und da heraus. Meine Füße stolperten vorwärts. Jemand hielt mich mit Eisengriff fest. Mein Oberarm tat weh und das Blut pochte an der Stelle, wo die Hand zupackte. Ich versuchte, sie abzuschütteln, aber es gelang mir nicht. Ich bekam Angst und das machte mich wütend, jener Moment, als Kälte und Hitze aufeinandertrafen und meine Eingeweide in Aufruhr brachten, mir schwindlig wurde und ich stolperte... Aber die Hand hielt mich, riss mich nach oben und zwang mich, mich aufzurichten.

Da sah ich hinüber und in zwei blaue Augen. Um sie herum Fältchen, Gruben, kleine Schluchten in brauner Haut. Er war vielleicht um die fünfzig. Ich hatte Angst vor ihm, bis zu dem Moment, als er aus dem Augenwinkel zurückblickte. Ich wandte den Blick zurück zu Boden und stolperte vorwärts, bis es Abend wurde.

Wir krochen in eine verlassene Hütte, die Ruine eines Hauses, ich konnte nicht schlafen, es knackte. Ich glaube, dass die Sterne schienen, aber ich erinnere mich nicht an sie, ich kann sie nicht vor mir sehen, wenn ich die Augen zumache, auch jetzt nicht, und ich versuche es doch so sehr. Meine Augen ruhten auf der groben Decke an der gegenüberliegenden Mauer. Die Decke hob und senkte sich und das rief merkwürdige Gefühle in mir wach. Ich kann sie bis heute nicht einordnen.

Ich weiß noch, ich wollte gehen, aber ich konnte meine Augen nicht von der Decke lösen. Ich konnte mich nicht bewegen. Irgendwann sah ich den Atem vor meinem Mund stehen, geistergleich, wie eine Erscheinung. Tausend kleine Tröpfchen in der Stille des Morgens. Ob es so aussah, wenn man seine Seele aushauchte, fragte ich mich; aber das war der einzige klare Gedanke, der für lange Zeit in meinem Kopf war.

Es knackte und ich fuhr hoch. Es war Morgen geworden und die Decke verlassen. Ein paar blaue Augen mit Fältchen wie zierliche Schluchten, aber weit verzweigt, windungsreich und tief, schob sich vor mein Gesicht in die Blässe des Morgens. Er nickte mir zu, als er sah, dass ich wach war, murmelte etwas, das ich nicht verstand, und zog sich zurück. Es roch nach Holz und Stein, ein trockener Geruch, der an etwas aus meiner Kindheit rührte... Ein fernes Bild vielleicht, eine Erinnerung... aber ich kann sie nicht greifen.

Der Morgen war frisch und hätte schön sein können, aber ich fühlte mich, als wäre ich in eine Kluft gefallen und käme nicht mehr heraus. Ich sah nach oben und dort befand sich die Welt. Aber wo befand ich mich? Ich stand in einer riesigen Leere, in der sich seltsame Wesen aus der Dunkelheit anschlichen, aber ich konnte es nicht ändern, denn ich konnte nicht weg; und da war es, dass das Knistern in meinem Kopf begann und ich es seither nicht mehr losgeworden bin. Hören Sie es? Genau hier, in der Ecke knistert es, als würde etwas leise vor sich hinschmoren und in Flammen klein und kleiner werden, vergehen, bis nichts mehr übrig ist. Nur, meine Flammen hören niemals auf. Sie vollbringen ihre Aufgabe nicht. Sie sind darin hängengeblieben wie ein Ast im Fallen, ein Ast, der niemals die Erde erreicht.

Ich stand auf, an jenem Morgen, und schwankte und mir wurde schwarz vor Augen. Der Eisengriff schloss sich wieder um meinen Arm und hielt mich oben, zog mich aus der Kluft und fort von den seltsamen Wesen in der Dunkelheit. Diesmal wehrte ich mich nicht. Danke. Er sah mich an. Er schien verstanden zu haben, aber meine Sprache nicht zu sprechen, denn er sagte nichts darauf.

Oder doch, er sagte etwas, ja. Aber ich verstand es nicht. Es drang nicht durch meine Haut, sickerte nicht in meine Ohren. Er sah sich um und dann wieder zu mir und mir direkt in die Augen. Ich erschrak und hielt mir den Arm vors Gesicht. Mit dem freien Arm zog er Gesten durch die Luft, und ich sah in seinen Augen etwas Wildes aufsteigen, ganz am Rande nur, doch es machte mich unruhig.

Mein Kopf wurde kalt, als hätte jemand, plötzlich, alle Wärme herausgesogen. Wohin, das wusste ich nicht. Ich reagierte nicht, sank wieder auf den Kluftboden, war eingefroren in die Dunkelheit, in der Knistern und Kälte regierten. Alles war still. Sein Mund bewegte sich, aber ich sah ihn durch die Düsternis nicht richtig. Ich hörte auch nichts außer Knistern, das anschwoll und dröhnte und die Leere schluckte. Ich wollte, dass er wegginge. Aber er schüttelte nun meinen Arm und deutete klar in eine Richtung.

Dann roch ich es auch. Rauch. Wir mussten weg. Und zwar sofort.

Aber ich war so langsam. So unendlich langsam. Als wäre ich aus der Zeit herausgefallen. Ja, so fühlte es sich an. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, viele Jahrtausende später, war ich das auch. Ich war auf dem Boden meiner Schlucht und meine Beine waren schwer. Sie waren Felsblöcke, fest in den Boden gerammt. Meine Arme zwei lange Steine an meinen Seiten, Stalaktiten, die aus mir herauswuchsen; Lava, in einem schmalen Tunnel erkaltet, einem Tunnel, in den sie sich geflüchtet hatte, um dann von Wind und Regen herausgewaschen zu werden. Die einzigen Dinge, die hart genug waren, um zu überdauern.

Erstaunt, und aus weiter Entfernung beobachtete ich dieses seltsame Wesen. Alles war so merkwürdig. Nichts ging mich etwas an.

Aber es kann auch sein, dass ich das mit Ereignissen etwas später verwechsle, denn das Körpergefühl ist seither dasselbe geblieben. Sehen Sie mich an. Ich bin steif und die Leute wundern sich, wieso. Ich wundere mich über gar nichts mehr. Habe ich selten getan. Und vielleicht ist es genau das, was mich gerettet hat. Wer weiß das schon.

Schließlich hob ich den Blick von diesem Steinwesen, das an mir hing, und sah in die Richtung, in die er gedeutet hatte.

Eine hohe Rauchsäule und breit. Dort hinten hatte meine Freundin gewohnt. Das Nachbargehöft war auch schön gewesen, eine breite Allee hatte zum Haupthaus geführt. In meinen Ohren dröhnte es. In meinem Bauch ein absurder Klumpen aus Hitze, Kälte und einem Gedanken: Fort.

Plötzlich schwenkte der Wind und der Geruch schnitt mir unangenehm in die Nase.

Rauch.

Tod.

Der Mann packte die Decken in ein grobes Bündel und zog mich mit sich fort. Weitab aller Dörfer und Straßen gingen wir, in vergessenen Alleen, über Teppiche gefallener Eicheln, die schon lange keine Schweine mehr gesehen hatten.

Schließlich erreichten wir seinen Wagen.

Als wir ankamen, kehrten die Flammen zurück, mit einer Wucht, der ich nicht gewachsen war. Sie drängten und stürmten in meinen winzigen Kopf hinein, in meinen Kopf, der viel zu leer und viel zu groß für mich war, aber viel zu klein für diese gewaltigen, unendlichen Flammen; und sie zerdrückten meinen Schädel, sie fraßen meinen Geist, schoben mich zu einem knittrigen Klümpchen zusammen und warfen mich in eine Ecke irgendwo hinter allen Rumpelkammern, die ich selbst nicht kannte. Alles war schwarz und in der Ferne röhrten Rot und Orange.

Dann, direkt vor seinem Wagen, zerbröselte ich in die Dunkelheit und löste mich endlich auf.

* * *

Als ich wieder erwachte, lag ich unter einer weichen Decke und es roch nach Holz. Durch einige Ritzen drang Sonnenlicht und in ihm tanzten Staubkörner.

Sie waren absurd schön und verwirrten mich, wie sie über meinem Kopf tanzten. Sie schimmerten... wollten mich verführen... Ich setzte an, mich aufzurichten, wollte sie ansehen, berühren, meine Hand in ihnen baden -- reißender Schmerz schießt mir durch die Schläfen wie ein Wildbach. Er spült mich fort, ein Schmerz, dem ich nicht ausweichen kann, wilde Bilder stürzen über mich herein und... nichts. Ich fühle nicht mehr.

Aber meine Füße mussten da sein, denn ich sah ihre Umrisse unter der weißen Decke.

Da stieg Kälte in mir auf, nicht ganz entschlossen, ob sie Angst sein wollte oder Verzweiflung.

Ich schloss die Augen wieder und versuchte, mich zu beruhigen. Versuchte, nach etwas zu greifen, irgendetwas; versuchte, Halt zu finden, Sicherheit, wo ich denn sein könnte, was geschehen. Aber die Erinnerung entzog sich jedesmal, wenn ich nach ihr fasste, und ich trieb haltlos im Strom von Bildern, der nun, etwas ruhiger, aber dennoch kraftvoll, durch mich zog und mir wehtat. In seiner Mitte rollten Brocken zu Tal. Ich versuchte, zwischen sie zu greifen, nach den Bildern, die da mit mir, um mich herum abwärtstrieben, bunt und wild, aber ich stieß sie durch meine Bewegung weg und blieb zwischen zwei Felsen stecken. Panik überspülte mich und ich hatte genug.

Dann überkam mich eine grenzenlose Müdigkeit und Erschöpfung. Ich sackte wieder zurück in schlaffen Schlaf und begann zu träumen. Rote Flammen krochen daher, umschlangen mich, nisteten in meinen Lungen und versengten mich. Ich versuchte zu schreien, aber es brannte zu sehr, ich hustete Asche und atmete Feuer. Es sog mich tiefer in einen dunklen Strudel.

Ich sank tiefer.

Tiefer.

Die Schwärze erstickte mich.

Ich schrie und strampelte, meine Decke war verrutscht und lag halb auf dem Boden. Mein Herz raste. Ich schwitzte. Mein Mund schmeckte nach Asche und meine Lunge fauchte und zischte.

Ich erwachte wieder, als ich eine große, trockene Hand auf meiner Stirn spürte. Bevor ich die Augen öffnete, wusste ich, dass die Berührung heilsam war. Ich rührte mich nicht, hoffte, sie möge dort ruhenbleiben. Dann war sie auf einmal weg, und meine Stirn wurde kalt. Ich schlug die Augen auf und sah in die Lachfältchen.

Diese Erinnerung, der Geruch nach Holz, die trockene Hand auf meiner Stirn, ihr kräftiger Druck, der Staub, die braunen Lachfältchen, haben sich tief eingebrannt und bis heute sind sie für mich der Duft von Erlösung und Güte. Ich bin hingezogen zu Männern mit Lachfalten. Je ausgeprägter, desto attraktiver. Ich weiß, es ist wie eine Besessenheit, aber ich kann nie genug davon bekommen.

Nach den nächsten Ereignissen habe ich ihn nie wieder gesehen. Aber lassen Sie mich eins nach dem anderen erzählen.

* * *

So begann mein Leben als umherziehende Heilergehilfin. Teemu war fahrender Apotheker und versorgte Gutsherren und Bauern mit Heilung und Medikamenten. Dies ging über Monate, ein Jahr, vielleicht zwei, so genau weiß ich das nicht. Wir bereisten mit seinem Pferdewagen die Gegend, die einmal meine Heimat gewesen war, bevor man sie mir nahm und ich ihren Namen vergaß.

Eines Tages kamen wir in eine kleine Stadt, ich glaube, ihr Name war Gnadenthau zu jener Zeit, ich erinnere mich, weil mir schon damals der Name recht ungewöhnlich vorkam. Und mir der Mann dort so viel Gnade und Würde erwiesen hat... einen Moment bitte... ich muss mich sammeln... was dort geschah... was davor war, daran erinnerte ich mich erst viele Jahre später. Dazu komme ich noch.

Alle Mittel, um zu heilen, hatte er dabei. Sein Wagen war aus knackendem Holz und sein Pferd duftete, wie nur Pferde duften können. Ich fühlte mich wohl. Es waren gute Monate. Ich traf auch einen Jungen dort, wir hatten einander gern. Seinen Namen habe ich vergessen.

Dann kam der Krieg wieder zu uns. Er war immer um uns herumgeschwirrt, hatte über unseren Köpfen gesummt, aber jetzt fraß er sich durch die dünne Decke, die ich mir mühevoll zugelegt hatte, und spritzte seine Kälte unter meine Haut. Wieder kamen Uniformierte, sie kamen zu Teemu und schlugen und bedrohten ihn, aber er sagte nichts.

Und als sie ihn schlugen, war er ganz ruhig und es war entsetzlich, denn ich sah wieder meinen Bruder vor mir und ich wollte schreien, hinlaufen, die Soldaten schlagen, ihn schützen, mich selbst verraten, aber -- ich hörte aus dem Hall der Schläge und dem Ton ihrer Stimmen, auch wenn ich kein Wort verstand, immer noch nicht, dass sie unzufrieden waren, wohl weil er nichts sagte; aber auch, dass sie zufrieden waren, wohl weil er körperlich gefügig war und ihnen das grausame Freude bereitete.

Egal was ich tat... entdeckten sie mich, würde es böse für ihn enden.

Ich stand hinter dem Wagen, die Schatten wurden länger und ich fröstelte, ich zog das Tuch fester um mich. Die Wollhandschuhe kratzten. Als mich der letzte Sonnenstrahl traf und ich das Rot hinter meinen Augenlidern sah, traf ich den Entschluss.

Eigentlich hatte ich ihn schon lange zuvor getroffen, er hatte nur jetzt erst aus den Kluften und Schluchten zu mir heraufgefunden. Die Luft war frisch und ich ließ sie in meine Lungen fluten. Ich fühlte mich schwer und sehr alt. Viel älter als ich es heute bin. Nie wieder habe ich mich so alt gefühlt wie in jenem Moment. Schon wollen meine Glieder wieder genauso schwer werden, jetzt, wo ich daran denke... Ich bin es nicht mehr losgeworden.

Es war an der Zeit.

Ich schlich davon. Ich fühlte mich schwach und feige. Andererseits war es das Beste, was ich für ihn tun konnte. Sie würden nichts finden. Als ich zwischen die Birkenstämme schlüpfte, hörte ich die Soldaten im Wagen rumoren, alles herauswerfen und auf dem Boden verteilen.

Sie würden nichts finden.

Ich wandte mich um. Kalter Wind strömte den Abhang herauf. Er strich um meinen Körper, ein halb gezähmtes Wesen auf der Suche. Unterdessen stieg grimmige Freude in mir auf, auch sie ein Wesen, aber eigensinnig... stark... zielgerichtet. Ich staunte. In jenem Moment spürte ich so deutlich die Grenzen zwischen der Welt und mir wie nie zuvor und auch nie mehr danach. Draußen war es kalt. Drinnen loderte es. Beide waren sie starke Kräfte. Aber sie verstanden einander nicht. Ich verstand sie nicht. Ich habe lange gebraucht, sie zu verstehen.

Der Abendwind verlor rasch das Interesse an mir, strich an den Birkenstämmen vorbei in die Wälder und Wiesen, verlor sich in den Nebelschleiern, die aus den stillen Strömen heraufstiegen.

Ich wandte mich ab. Solange ich fort war, würden sie nichts finden. Die Schadenfreude führte mich zwischen den Birkenstämmen fort und durch lockere Haine, an Hecken und Böschungen entlang. Sie trug mich sicher und kraftvoll zu seinem Haus; zum Jungen, den ich meinte zu lieben. Ich wusste damals in meinem Herzen, dass ich mich auf ihn verlassen konnte.

* * *

Er öffnete schnell und nahm mich zu sich hoch. Er packte stumm und sah mich nicht an. Ich wartete und sah ihm zu. Seine Bewegungen waren ruhig und entschlossen. Kein Zögern, kein Zweifel in ihnen. In jenem Moment gab es mir Sicherheit.

Wir verließen das Haus, gingen sehr schnell. Ich hatte nur die Kleider am Leibe und das Bündel, das ich für solche Anlässe immer bei mir getragen hatte, seit langem schon, ohne es richtig wahrzunehmen.

Wir versteckten uns, wo, weiß ich nicht mehr, es ist auch gleichgültig. Was zählt, ist, dass Teemu uns noch einmal fand.

Er kam, zerschunden und blau, aber er kam und seine Fältchen lachten, als er mich sah. Ich fühlte mich unendlich schwer. Ich ging zu ihm, fasste nach oben, nahm sein Gesicht in meine Hände. Er stand seltsam da, als sei eine Rippe gebrochen. Er lächelte schief. Er legte seine Hände, seine großen, trockenen, geliebten Hände auf meine und blickte mir stumm in die Augen; mein Hals war dick und ließ kein Wort hinaus. So legte ich meine Liebe, meinen Dank, alle Wärme, die ich noch hatte, in meine Augen und Hände, als ich mich an ihn drückte. Es war nicht viel, aber es war genug. Ich durfte mich noch einmal von ihm verabschieden. Ich spürte sein Herz an meiner Schläfe klopfen und Wärme durchströmte meine Brust, eine große und leichte Wärme. Auch sie hat mich nie mehr verlassen, wenngleich ich lange, ach so unsagbar lange brauchte, sie zu erkennen. Er zeigte mir, was Güte ist. Er zeigte mir, was Liebe ist. Er rettete mich.

Ich wusste, ich würde ihn nicht wiedersehen.

Er blickte zu mir herab, nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und drückte mir einen Kuss auf die Stirn, der noch heute dort leuchtet. Dann ließ er mich los, in ein ungewisses Schicksal, und der Junge und ich verließen das Versteck.

Wir gingen los. Ich sah so oft ich konnte zurück. Teemu sah geschrumpft aus und zerfurcht, aber er strahlte für mich alle Wärme dieser Welt aus und ich liebte ihn.

Aber es geschahen noch andere Dinge.

Als wir die Obstbäume hinter uns gelassen hatten und den flachen Abhang hinaufgingen, war alles sehr klein geworden. Ich wusste, dass er dort unten stand und uns nachsah.

Zwischen den Birken konnte ich nicht mehr. Alles, was sich in mir festgefressen hatte, brach mit brutaler Gewalt auf, warf mich auf die Knie, riss mich von innen her entzwei und schleuderte mich in Fetzen zu Boden. Das Geräusch, als ich riss, war entsetzlich und niemals habe ich es vergessen. So vieles habe ich vergessen, so vieles, aber das ist geblieben. Wenngleich es diffus ist, unscharf, mehr ein Gefühl als ein Klang. Aber es ist geblieben.

Es musste die Sonne geschienen haben, denn alles verschwamm zu einem hellen, wirren Bild, blauer Himmel, Birkenstämme, Laub. Der Junge hielt mich und ließ mich nicht weitergehen. Er wartete, bis das Reißen in mir abebbte und still wurde. Warum er das getan hat, weiß ich bis heute nicht, aber ich denke, es wird ihn noch lange verfolgt haben.

Er hob mich auf und wir gingen abseits der Wege. Der Junge kannte jeden Pfad und jeden Schleichweg. Weit hinter uns war wieder der kleine Hund aufgetaucht, der uns schon eine ganze Weile verfolgte. Er war jämmerlich. Ein Reißzahn fehlte ihm.

Wir hörten Schüsse, manchmal fern, manchmal näher. Manchmal Schreie. Ich mochte das nicht. Es machte mir Angst. Ich starrte die meiste Zeit auf meine Füße. Das hielt meine Gedanken zusammen.

Dann wurde es dunkel.

Wir hielten an einem dicken Ahorn. An die Ereignisse danach erinnere ich mich nur sehr ungenau, aber ich werde versuchen, sie zu schildern, so gut ich kann, auch wenn es mir schwerfällt. Sie sind der Erste, dem ich davon erzähle, also verzeihen Sie mir bitte das Durcheinander in meinen Gedanken. Vielleicht hilft es mir, sie zu sortieren. Deshalb bin ich hier. Aber der Hals schwillt mir zu. Ich muss einen Schluck trinken. Und dieses Dröhnen in den Ohren. Geben Sie mir bitte eine Minute.

Nun. Ich wurde sehr unruhig. Etwas berührte mich unterhalb meiner Wahrnehmungs-schwelle, soviel ist mir jetzt klar geworden, aber ich beachtete es nicht. Zu meinem großen Unglück.

Aber ich war müde.

So müde.

Der Junge sagte, er müsste schauen, ob die Luft rein sei. Das unbestimmte Gefühl in mir bewegte sich stärker. Stieß mit den Beinen, regte die Flügel. Aber ich bekam es nicht zu fassen. Ich bekam es nicht zu fassen. Es schrie nach mir, und entzog sich zugleich. So ließ ich es also. Was hätte ich auch sonst tun sollen.

Ich nickte nur, zu schwach, mich zu widersetzen oder meinem Zweifel zu folgen.

Er ging weg.

Mein Unbehagen wuchs.

Ich war aber müde. Ich setzte mich auf mein Bündel und lehnte mich an den Baum.

Das Rascheln seiner Füße verklang in der Dämmerung. Das war der Moment, in dem sich das unbestimmte Gefühl in Verzweiflung wandelte. Sie kroch düster herauf, düsterer noch als der Abend, der eigentlich schön gewesen sein musste.

Lauf weg, sprach etwas in mir. Lauf, und komm nicht wieder.

Aber der Junge, flüsterte eine andere Stimme. Der Junge?

Was jetzt kommt, ist unendlich schwer für mich zu erzählen. Ich bitte Sie um etwas Verständnis und Geduld mit mir, wenn ich stocke, bitte geben Sie mir Zeit.

* * *

Danach hörte ich - nichts. Für lange Zeit, wie mir schien, nur ab und zu ein Rascheln im Unterholz. Wohl ein Igel, oder dieser lumpige kleine Hund, der immer um mich herumschlich.

Ich musste eingenickt sein, denn plötzlich schrak ich hoch. Etwas war falsch und jetzt wusste ich auch was. Der Filzgeruch. Das war es gewesen. Jetzt wusste ich es. Aber es war zu spät.

Füße näherten sich, ein vielzähliges Rascheln des Todes. Er hatte mich verraten, ich wusste es im Moment, als ich sie hörte.

Sie kamen.

Es war zu spät.

Hinter ihnen hörte ich seine leichten Schritte im Laub.

Dort ist sie, raunte er, so weit weg, so entfernt, dass ich meinte, hoffte, mich verhört zu haben.

Es war dunkel und erst wusste ich nicht recht, wo ich war und ob es wirklich ich war, ob es mich tatsächlich gab oder ob dies einer meiner dunklen Träume war; aber als ich aufsprang, und mir schwarz vor Augen wurde, sah ich die Wahrheit aufleuchten wie ein düsteres Licht am Eingang zum Weg der Schmerzen.

Vor mir lösten sich Schatten aus der Dunkelheit, dunkler noch als die Düsternis, die sie umgab. Ich verengte die Augen und beobachtete sie durch die Schlitze meiner Lider, so sah ich sie in einer Schärfe, die mir Kraft gab. Aber je mehr ich sah, die Hüte, die Mäntel, die Hände, die auf den Waffen ruhten, die Stiefel, die Abzeichen, umso mehr drehte sich mir der Magen um. Ich spürte meine Sinne schärfer werden, zugleich wurden sie überspült von dieser alles bestimmenden Übelkeit, die alles wegriss und meine inneren Organe an die Küsten meines Bewusstseins spülte. Irgendwo in mir, unter den Schichten und Schichten an finsterem Ozean leuchtete es wie eine Muschel am Boden. Das Wissen um das, was kommen würde. Ich griff danach. Dann schwemmte mich die nächste Welle weg, bevor ich es greifen konnte.

Einer der Soldaten bellte etwas. Heiser, leise wie ein Igel in der Abenddämmerung. Ich verstand nichts. Wollte nichts verstehen, wollte laufen, aber meine Füße waren festgewachsen wie Ahornwurzeln, verwickelten und verkrallten sich mit ihnen, und die kranke Wachheit in mir brandete gegen Felsküsten an, ich fühlte mich entsetzlich, so als zerbräche ich in der Mitte, in der Tiefe, und dann trat einer heran und trat mir die Füße unter dem Körper weg, es war, als hätte er meine Beine gerade über dem Knöchel durchbrochen wie die einer griechischen Götzenstatue, die man fällt; denn meine Füße gaben den Boden nicht preis, blieben verwachsen, krallten sich noch verzweifelter in die Ahornwurzeln, sogen sich in sie, je mehr sie begriffen, sie waren nicht mehr Teil von mir.

Ich gab keinen Laut von mir, als der Boden mir entgegenkam, als ich mit dem Gesicht aufprallte, Moos und Erde in meinen Mund drangen und ich würgte.

Heiße Wellen spülten über mich hinweg, durch mich hindurch, aus mir heraus. Dampf stand in der Luft. Um mich herum roch es nach Moder, nach Laub und Erde. Aus ihnen dampfte wie aus einem durchlässigen braunen Teppich ein scharfer Geruch. Mein Inneres lag um mich herum verteilt, dort mein Magen, da die Lungen, der Schatten dort hinten muss mein Herz sein. Mich gibt es gar nicht mehr.

Die dunklen Gestalten schauten auf mich herab. Sie hatten sich näher um mich herum zusammengezogen, die Mäntel schon offen, die Hände an den Gürteln. Jetzt, im Angesicht meiner rohen Innereien, zogen sie sich zurück. Ein fahles Raunen drang aus ihrem Kreis.

Später, viel später erkannte ich, dass genau sie mich gerettet hatten, die entsetzlichen Wellen, der Ozean der Finsternis in mir, auf dem meine Innereien nach außen schwammen.

Mir war kalt.

So kalt.

Nebel zog auf und verschleierte mich, die ich um mich herum verteilt lag.

Einen Moment zögerten sie.

Und als die Schatten sich angewidert teilten, machten sie Platz für einen viel entsetzlicheren Anblick. Dort stand der Junge, sein Gesicht fahl zwischen den Schatten, der Mond meiner Vernichtung, das Angesicht meiner Auslöschung. Er blickte mich an. Sein Körper war steif. Seine Fingerspitzen zuckten.

Dann schloss sich der Schattenvorhang wieder, als sie sich bückten und mich mit spitzen Fingern aufhoben. Am Kragen, am dünnsten Stoffstück, das sie fassen konnten, zogen sie mich fort.

Der Junge schlich neben ihnen, jedesmal, wenn ich über eine Wurzel auf dem Waldboden holperte, schaukelte sein Gesicht wild über mir, und mir wurde übel, und ich wollte mich übergeben, aber ich war leer, denn ich hatte mich ausgespuckt und das war unumkehrbar, und so ertrug ich seinen Anblick, er aber nicht meinen, denn er mied meinen Blick. Er ließ den Kopf hängen, der absurd, wie lose, vor seinem Körper auf- und abhüpfte. Beinahe hätte ich ganz gegen meinen Willen laut aufgelacht, da machte er ein Geräusch; ein zertrümmertes Räuspern vielleicht, ein bröckeliges Husten, aber dann schluckte er und er schluckte hart. Er schluckte all die Trümmer meines Lebens, seines Verrats, all dessen was wir gewesen waren. Ich sah die Brocken in seiner Speiseröhre hinabruckeln, sah, wie sie steckenblieben und hoffte, sie würden ihn zerreißen. Aber dann wurde er schneller und schloss zu den Vorderen auf, so dass er aus meinem Sichtfeld hinausschwankte, und dann war wieder Nacht.

Der Mond meiner Zerstörung war untergegangen.

Ab da hüpfte nur mehr der Waldboden über und unter mir, und jede Wurzel, über die ich holperte, brach mein Rückgrat ein kleines Stückchen mehr.

Aber ich fühlte mich gut.

Mit jedem Brechen wurde ich weicher, und je weicher ich wurde, desto weniger tat es weh. Ich wurde ein Schwamm, ein Fisch, eine Koralle. Eine Muschel. Ich wurde geschmeidig, unfassbar, glatt. Von außen sah ich fest aus, hart, unverletzlich. Man glitt ab, alles glitt an mir ab. Man bekam mich nicht zu fassen.

Ja, da war es, dass ich zur Muschel wurde.

Nur - es gab keine Perle.

In mir war nichts als widerliche Weichheit. Nichts als mein absurd biegsames Rückgrat, das biegsamer und immer biegsamer wurde und schließlich zu Muschelfleisch, das sich um nichts als sich selbst schloss.

* * *

Man brachte mich in die nächste Stadt - zurück nach Gnadenthau, ausgerechnet, ich hatte solche Hoffnungen in sie gesetzt, damals, vor so langer Zeit - und sperrte mich in eine Zelle mit weißen Wänden, die so weiß, und einer dicken Tür, die so dick wie meine Schale war. Ich fühlte mich wohl dort, ich richtete mich ein. Die Zelle war meine Schale. Und ich die Perle in ihrem Inneren.

Es war entsetzlich kahl, aber es passte zu mir, und es brachte meine Perlenschönheit zur Geltung.

Niemand sprach mit mir. Aber bisweilen hörte ich Trümmer einer Sprache an die Wände meiner Schale hämmern. Trümmer, die ich nicht verstand, die ich nicht verstehen wollte. Aber auf jener Ebene, in der Welt des Zerbrochenen, verstanden wir uns, diese Trümmersprache und ich. Ich wollte es nicht, aber mein Körper, oder die Bruchteile meines Körpers, lehnten sich ihr entgegen und sogen ihre Risse auf, soweit sie es in ihrer seltsamen Existenz vermochten.

Diese Sprachbrocken, damals, verursachten mir eine Übelkeit wie jene existenzielle, und hätte ich mich nicht längst schon ausgespuckt an jenem Ort, den ich nicht mehr wiederfinde, hätte ich es hier getan und mich in dieser Zelle liegengelassen. Ich schätze, es ist mein Glück, dass ich mich in jenem Wald zurückgelassen hatte, denn noch heute bin ich Teil des alten, starken Ahorns und das gibt mir Kraft. Oft denke ich an ihn wie an einen ebenso alten, starken Mann, einen Beschützer aus einer Zeit vor meiner Geburt.

Aber es hilft mir nichts.

Es scheint, ich bin verdammt, für immer auf meinem Meeresboden dahinzudümpeln und nur die Schatten des alten Ahorns, von ganz ferne, von ganz unten, das Wasser ganz sachte berühren zu sehen. Ich sehe nur den Schatten seines Schattens auf meinem Meeresboden, der von Schlamm, Staub und Schmerz getrübt ist. Aber ich sehe ihn.

* * *

Dann war der Krieg aus und neue Soldaten kamen. Sie rochen nicht mehr nach Filzmänteln, wie jene im Wald. Diese trugen grüne Stoffmäntel, und sie rochen nach einer neuen Welt. Sie rochen nach Abenteuer und Ordnung.

Aber nichts davon berührte mich dort unten auf meinem Meeresboden.

Auch diese Soldaten verstand ich nicht, obwohl ich durchaus gerne gewollt hätte, denn ihre Mäntel erinnerten mich an die trübgrünen Algen, die bisweilen vorüberwehten und meinen Tag bunt machten.

Aber diese Soldaten hämmerten nicht mit ihren Sprachtrümmern an meine Wand. Sie öffneten meine Tür. Ich wollte nicht, wollte meine Muschel nicht verlassen, wollte Perle bleiben.

Aber etwas zog mich nach draußen, ein ferner Sog, exotisch.

Aber nicht nur mich holte er.

Auf ihm trieben fahle Korallenskelette ohne Fleisch; aus tausenden Zellen brandeten, strandeten Muschelgestalten heraus, ohne Sinn und Zweck, ihrer Warterei beraubt, ihre Schalen abgeschliffen an den Stränden der Zeit.

Ich erkannte sie.

Auch sie hatten keine Perle. Auf tausend Meter Entfernung erkenne ich sie noch heute. Es ist, als würden alle normalen Wesen sie nicht sehen. Aber ich sehe sie, sie leuchten mir durch Brandung und Strömung entgegen wie ein Licht, ein trübes Wetterleuchten am Horizont, gefährlich, dennoch Hoffnung aufbrandend. Ich halte Abstand heute, schwimme einen weiten Bogen um sie herum und gleite durch Algenwälder, schlüpfe unter den Sand, um sie nicht zu sehen.

Sie sind schön. Sie sind selbstvergessen, atemberaubend und verbrecherisch schön in ihrer Zerbrechlichkeit. Sie singen, sie rufen nach mir, in einer seltsamen Sprache, die mich unter vielen Schichten Sand schaudern lässt. Sie wissen nicht, dass sie nach ihren Räubern rufen. Ich kann ihren Gesang nicht vergessen, aber ich antworte nicht mehr.

Ich trieb eine Weile herum, begann zu gründeln, aber ich fand nichts. Ich war zu müde, zu erschöpft.

Nichts geschah.

Ich vergaß die anderen Muscheln.

Aber dann, eines Tages erinnerte ich mich ihrer. Sie schwammen durch die verlassenen Meere der Einsamkeit; brüchige Muscheln, brüchiger als ich, und ihre Anziehungskraft war groß. Ich suchte sie, ich jagte sie, rammte und knackte sie, um ihre Perlen zu rauben. Ich wusste, ich war härter als sie. Ich wusste, ich hatte ihnen das vielfache Brechen voraus. Ich wusste, ich konnte sie knacken, und mit jeder gebrochenen Muschelschale wollte ich mehr.

Ich brauchte sie so dringend.

Das ging eine ganze Weile so, ich dachte nicht nach. Ich genoss den Triumph, wenn ich eine neue Muschel geknackt hatte. Hatten sie eine Perle, nahm ich sie, aber sie starb bald und ich brauchte eine neue. Häufig, zumeist, hatten sie gar keine, aber es zählte nicht. Ich hinterließ aufgebrochene, verletzte Schalen, zum Sterben verurteilte Bruchstücke auf dem Meeresboden.

Auch gefiel mir, ihr Fleisch zu essen, aber auch das wurde mir bald langweilig.

Ich wurde brüchiger und brüchiger, je weniger ich jagte; und je mehr Schlamm sich auf mich legte, desto mehr zersetzte sich meine Schale. Ich war ein Schalentier. Ich war eine Muschel. In mir existierte nichts außer meinem schneckenweichen Rückgrat, das mich längst anwiderte.

Irgendwann ließ ich mich hinabsinken zwischen Algen und Steine, in Schlamm und Sand, und blieb liegen.

Es war schön.

Hier konnte ich ruhen.

* * *

Der Schlamm von Jahrtausenden glitt von mir, als sie mich hoben.

Jenes Land, das ich gekannt hatte, und dessen Name mir verdunkelt ist, war verschwunden. An seine Stelle war ein neues getreten.

Es war ein Land, in dem die Ärzte nicht mit Wagen herumfuhren, in dem es keine Diener gab, in dem die Soldaten diszipliniert waren und das Land verteidigten, anstatt seine Bewohner zu verfolgen. Es gab seltsame Geräte, mit denen ich nicht zurechtkam. Es war ein Land, in dem die Ärzte ähnliche Uniformen wie die Soldaten trugen und die Soldaten nach merkwürdiger Seife rochen.

Ich kam nicht damit zurecht.

Sie brachten mich in eine Anstalt für die Kranken und Alten, und dort fand ich endlich jemanden, der meine Sprache sprach. Er trug einen grünen Kittel, ähnlich wie die Grünen Soldaten, und sein Gesicht war zerfurcht. Er interessierte mich nicht, denn er war keine Muschel und er war nicht brüchig. Eigentlich interessierte mich schon lange gar nichts mehr außer dem Schlamm und Sand auf meinem Meeresgrund. Ich wollte nur noch gründeln und sterben. Für immer meine Ruhe haben.

Aber dann geschah etwas.

Ich sah ihn, sein Gesicht, und er erinnerte mich an meinen Bruder, der vor vielen Jahren verstorben war, und von dem ich nur eine einzige Erinnerung habe, die aber verblasst und deren Formen, Ränder und Schattierungen immer mehr die Form von Temudschin und diesem Arzt annehmen. Ich kann nicht sicher sein, wer es ist, den ich sehe. Es spielt auch keine Rolle. Sie alle sind schön, sie sind frei von Schmerz und Verfall, von Zeit und Vergangenheit, in ihrer altertümlichen Schönheit dort auf dem zerschlissenen Bild in meinem Kopf.

In jenem Moment, als ich in das Gesicht des Arztes sah, erkannte ich, dass er meine Perle war. Er war es. Und mein Bruder. Und Teemu.

Sie alle waren meine Perle, mein Schatz, den ich in mir trug, so lange, immer schon, ohne ihn zu erkennen. Ohne ihn zu sehen. Jetzt erkannte ich. Jetzt verstand ich. Von meinen Augen sank ein Schleier der Dummheit, der Blindheit, wie tausend Silberschuppen.

Der Arzt sprach mit mir, aber ich nicht mit ihm, denn in jenen Tagen sprach ich nicht, denn niemand verstand meine Trümmersprache, und sie fürchteten sich vor ihren geborstenen, scharfen Rändern. Er aber fürchtete sich nicht und sah mich lange an. Er sah mich so lange an, und sein Blick sank herab bis zu mir auf den Grund, dass ich dachte, er müsste alles sehen, alles das, was nicht in mir war. Und er müsste die Perle sehen, schwarz und schön wie die Nacht, die in mir verborgen lag, und in dem Moment sanft zu glühen begann; die Perle, die meine Liebe war und meine Wärme, die so wehtat, so hart war und die ich mit Weichheit umhüllen und verstecken musste, damit sie mir in ihrer selbstvergessenen Schönheit nicht schadete.

Aber er sagte nichts oder nicht viel. Eine Weile verbrachte ich in jener Anstalt für die Kranken und Alten, oder für die Verwirrten, Wirren, Irren oder wie auch immer man es damals nannte, vor langer Zeit.

Wie lange weiß ich nicht. Jedoch weiß ich, dass ich meine Perle hütete, sie war mein größter Schatz, und sie drückte mich und tat mir weh, aber es war mir gleich, und ich liebte sie und sie wuchs und gedieh und wurde mit jedem Tag schöner und tat mit jedem Jahr, das ich dort verbrachte, weniger weh.

* * *

Lange Zeit hatte ich auf meinem Zug durch die verlassenen Meere der Einsamkeit gesucht und gejagt, gerammt und aufgebrochen, um an fremde Perlen zu kommen. Seit ich aber meine eigene Perle gefunden habe, in der Dunkelheit in mir, habe ich damit aufgehört.

Unzählige aufgebrochene Schalen habe ich auf meinem Weg zu meiner Perle hinterlassen, Bruchstücke fremder Leben, die ich berührt und beraubt habe. Ich kann nicht rückgängig machen, was ich getan habe. Aber ich will versuchen, es wiedergutzumachen.

Teemu habe ich lange gesucht. Aber es ist, als habe er nie existiert. Es spielt auch keine Rolle. Die Perle ruht in mir und leuchtet dunkel. Sie hält mich zusammen. Sie kittet mein Rückgrat und glättet meine Gedanken. Ihre kraftvolle Ruhe und Stärke teile ich mit den Brüchigen.

Es ist das Leben.

Es ist das Leben, das ich wähle.

Ich habe jene Nacht im Wald nie verlassen. Sie ist mir wie eine rätselhafte, gefährliche Freundin, deren dunkle Eleganz ich brauche und bewundere. Dort, wo ich mich verwurzelt habe, bin ich noch heute. Allerdings hat sich der Wald gewandelt. In ihm wehen heute Algen, zwischen den Ästen fliegen Fische, auf dem Boden kriechen Krebse und Muscheln. Es ist friedlich dort.

Ich erinnere mich nicht an den Ort, noch an den Namen.

Ich bin ein Bruchstück. Ich bin die letzte Botschaft, das geborstene Licht einer Trümmerwelt, die in die Vergangenheit sinkt.

Aber was bleibt, ist das Knistern in meinen Ohren. Es sagt mir, dass ich lebe und dass es einen Grund dafür gibt.


Copyright © 2016 by Karin S. Heigl

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